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Zu viele Abos, zu wenig Fairness: So treibt Streaming die Leute zurück zur Piraterie

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Du kennst das: Du willst abends einfach nur eine Serie starten oder einen Film schauen – und plötzlich bist du nicht mehr Zuschauer, sondern Detektiv. Erst mal rausfinden, wo das Ding überhaupt läuft. Dann festzustellen, dass es zwar „da“ läuft, aber nicht in deinem Tarif. Oder nur mit Werbung. Oder nur in SD. Oder nur in einer anderen Region. Und wenn du Pech hast, ist die Serie letzte Woche noch da gewesen und diese Woche schon wieder weg. Genau dieses Gefühl ist der Grund, warum Film- und Serienpiraterie nach Jahren der Ruhe wieder spürbar zunimmt: Nicht, weil plötzlich alle „böser“ geworden sind, sondern weil das legale Angebot in vielen Fällen wieder schlechter geworden ist – teurer, unübersichtlicher, weniger verlässlich.

Es gab mal eine Phase, da hatten Streamingdienste das Piraterie-Problem praktisch im Griff. Das war die Zeit, in der ein oder zwei große Anbieter einen riesigen Teil dessen abgedeckt haben, was du sehen wolltest. Du hast bezahlt, weil es bequem war. Ein Login, eine App, ein paar Euro im Monat, und du hattest das Gefühl: „Passt. Das ist fair.“ Piraterie war in dieser Zeit nicht „weg“, aber sie war für sehr viele Leute einfach nicht mehr attraktiv. Weil die legale Variante einfacher war. Und genau darin steckt die eigentliche Wahrheit: Piraterie ist weniger ein Preisproblem als ein Komfortproblem. Wenn legal einfacher, schneller und verlässlicher ist, zahlen die Leute freiwillig. Wenn legal komplizierter ist, beginnt das Rechnen, das Fluchen und irgendwann das Abwandern.

Heute ist das System wieder gekippt. Der Kernfehler ist nicht mal technischer Natur, sondern strategisch: Jeder große Rechteinhaber hat beschlossen, selbst Plattform zu sein. Statt Inhalte zu lizenzieren und damit Geld zu verdienen, wollten plötzlich alle den direkten Zugriff auf dein Abo. Das kann man aus Konzernsicht sogar nachvollziehen: Ein eigenes Abo wirkt wie eine Gelddruckmaschine. Wiederkehrende Einnahmen, direkte Kundendaten, Kontrolle über Vermarktung, keine Abhängigkeit von Drittplattformen. In Präsentationen sieht das großartig aus. In der Realität bedeutet es für dich: Zersplitterung.

Du merkst das sofort in deinem Alltag. Ein Teil deiner Watchlist liegt bei Netflix, ein Teil bei Disney+, ein Teil bei Prime Video, ein Teil bei Apple TV+, ein Teil bei Sky/WOW, und dann gibt’s noch Anbieter, die nur wegen einer einzigen Serie relevant sind. Dazu kommen Sportrechte, die nochmal eigene Welten sind. Und als wäre das nicht genug, hast du innerhalb eines Dienstes oft mehrere Tarifstufen: mit Werbung, ohne Werbung, HD, 4K, mehr Geräte, weniger Geräte. Das ist nicht nur teuer, das fühlt sich auch nach Klein-Klein an. Du zahlst, aber trotzdem wirst du ständig daran erinnert, dass du noch mehr zahlen könntest, um „richtig“ schauen zu dürfen.

Das Ergebnis ist eine Art Streaming-Müdigkeit. Nicht, weil du keine Lust auf Filme und Serien hast, sondern weil die Rahmenbedingungen dich nerven. Und diese Nervigkeit ist der perfekte Nährboden für Piraterie. Wenn du das Gefühl hast, du wirst nicht wie ein Kunde behandelt, sondern wie ein wandelnder Umsatzhebel, sinkt die Bereitschaft, brav das nächste Abo anzuklicken.

Warum klappt das bei Musik besser? Die naheliegende Antwort ist: „Dann macht es halt wie Spotify: 20 Euro im Monat und alles ist drin.“ Klingt logisch – und wäre für dich als Nutzer natürlich die beste Lösung. Aber bei Filmen und Serien gibt es ein paar strukturelle Unterschiede, die diese „eine Plattform für alles“-Idee schwerer machen, ohne sie unmöglich zu machen.

Bei Musik sind die Rechte zwar auch komplex, aber die Verwertung ist extrem standardisiert. Ein Song ist ein Song. Er ist kurz, er wird oft wiederholt, er lässt sich gut in riesigen Katalogen bündeln, und die Leute akzeptieren, dass sie nicht „besitzen“, sondern Zugriff haben. Dazu kommt: Wenn ein Lied mal fehlt, ist das ärgerlich, aber selten ein Showstopper. Bei Serien ist das anders. Da hängt die komplette Erfahrung daran, ob Staffel 1 bis 5 verfügbar ist – und zwar jetzt. Ein fehlendes Glied macht das Ganze wertlos. Außerdem sind Film- und Serienrechte viel stärker fragmentiert nach Ländern, Zeitfenstern und Formaten. Ein Studio kann in Land A die Rechte für Streaming besitzen, in Land B aber ein anderer Anbieter – und in Land C hängt alles noch an einem alten TV-Deal, der vor Jahren unterschrieben wurde. Das ist ein Rechte-Dschungel, der sich nicht mal eben glattbügeln lässt.

Trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit. Denn vieles, was du heute erlebst, ist nicht zwangsläufig „Sachzwang“, sondern bewusste Entscheidung. Exklusivität ist ein Werkzeug, um dich in ein Abo zu ziehen. Das funktioniert kurzfristig, weil du für eine bestimmte Serie abonnierst. Langfristig ist es Gift, weil du dich irgendwann ausgenutzt fühlst. Das ist ein bisschen wie bei Kabel-TV früher: viele Pakete, viel Ballast, ein paar Highlights, und am Ende zahlst du für Dinge, die du nie nutzt. Streaming sollte genau davon wegführen – und läuft jetzt in die gleiche Falle zurück.

Dazu kommt ein wirtschaftlicher Punkt, den du als Zuschauer indirekt bezahlst: Der Streamingmarkt war lange in einer Wachstumsphase, in der Anbieter bewusst Verluste akzeptiert haben, um Marktanteile zu gewinnen. Günstige Preise, große Budgets, viel Content. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem Investoren Ergebnisse sehen wollen: Profitabilität. Und dann passieren Dinge, die du sofort spürst: Preise steigen, Werbung wird eingeführt, Inhalte werden ausgedünnt, Produktionen werden gestrichen, Serien nach einer Staffel abgesetzt, und Plattformen versuchen, dich stärker zu binden – zum Beispiel durch restriktiveres Account-Sharing oder durch Zusatzgebühren. Aus Unternehmenssicht ist das „Monetarisierung“. Aus deiner Sicht ist es: „Ich zahle mehr und bekomme weniger.“

Genau da entsteht diese neue Rechtfertigungslogik, die du in deinem Umfeld wahrscheinlich auch hörst: „Wenn die mich so verarschen, dann eben nicht.“ Das ist keine juristische Argumentation, aber eine emotionale. Piraterie wird nicht als Diebstahl empfunden, sondern als Gegenreaktion auf ein System, das als unfair wahrgenommen wird. Und je mehr Anbieter sich wie Ticketverkäufer anfühlen, desto stärker wird diese Haltung.

Dabei ist es nicht so, dass ein „Spotify für Filme“ unmöglich wäre. Es ist nur politisch und wirtschaftlich unattraktiv für einzelne Player. Stell dir vor, es gäbe ein einziges Abo, das wirklich alles bündelt. Wer kontrolliert das? Wer setzt die Preise? Wer bekommt wie viel Geld? Genau davor haben Studios Angst: Dass sie wieder in eine Abhängigkeit geraten wie damals, als ein paar große Plattformen die Regeln diktierten. Also bauen sie lieber ihre eigenen Inseln. Das Problem: Für dich ist das ein Nachteil – und für den Markt insgesamt oft auch.

Denn was viele Konzerne unterschätzen: Du bist nicht bereit, Streaming wie Miete für zehn Wohnungen zu behandeln. Du willst Unterhaltung, kein Abo-Management. Und du willst Planbarkeit. Wenn Inhalte ständig wandern oder verschwinden, fühlt sich dein Abo wie ein wackeliger Deal an. Du zahlst für Zugriff, aber der Zugriff ist nicht verlässlich. Das ist ein Bruch des psychologischen Vertrags zwischen Anbieter und Kunde. Und genau in diesen Bruch fällt Piraterie hinein.

Wenn du fragst, wie das „sein kann“, obwohl es so offensichtlich wirkt: Konzerne optimieren oft nicht auf Kundenzufriedenheit, sondern auf Kennzahlen. Quartalszahlen, Abowachstum, ARPU (Umsatz pro Nutzer), Churn (Kündigungsrate), Werbeumsatz. Was für dich „dumm“ aussieht, kann intern als „funktioniert“ gelten, solange die Zahlen stimmen. Das Problem ist, dass solche Strategien oft verzögert zurückschlagen. Du merkst heute die Folgen von Entscheidungen, die vor zwei, drei Jahren getroffen wurden. Und wenn der Markt kippt, dauert es wieder, bis er sich korrigiert.

Was wäre besser? Nicht unbedingt ein einzelner Superanbieter, aber zumindest ein paar Dinge, die dein Leben sofort einfacher machen würden: echte Bündel, die ihren Namen verdienen; transparente Preise ohne Tarif-Tricks; stabile Kataloge, die nicht ständig ausgedünnt werden; und eine Suche, die plattformübergreifend wirklich funktioniert, ohne dass du fünf Apps brauchst. Vor allem aber: das Gefühl, dass du als zahlender Kunde respektiert wirst. Keine Werbung im Bezahlabo, keine künstlichen Qualitätsstufen, kein „Feature-Entzug“, um dich hochzustufen. Wenn Streaming wieder so bequem wird wie früher, geht der Anreiz zur Piraterie automatisch zurück.

Und bis dahin? Du musst das Spiel nicht komplett mitspielen. Du kannst Abos rotieren: einen Monat Dienst A, nächsten Monat Dienst B, gezielt nach Watchlist statt Dauerabo. Du kannst auch häufiger leihen statt abonnieren, wenn du nur einen Film willst. Das sind legale Wege, die dir Kontrolle zurückgeben, ohne dass du dich von zehn Abos melken lässt.

Unterm Strich ist es simpel: Streaming hat Piraterie damals reduziert, weil es das bessere Produkt war. Heute steigt Piraterie wieder, weil das Produkt schlechter geworden ist – nicht in der Videoqualität, sondern im Gesamtpaket aus Preis, Komfort und Fairness. Wenn die Branche das nicht versteht, wird sie weiter an Symptomen herumdoktern. Wenn sie es versteht, ist die Lösung eigentlich klar: Mach legal wieder so gut, dass du gar nicht erst darüber nachdenken musst, anders zu schauen.

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